GrundschulMagazin080

Selbstbestimmtes Lernen mit Musik in der Grundschule


Ein Beitrag aus dem "Grundschulmagazin" des Oldenbourg - Verlages von Bettina Küntzel

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Inhalt des Artikels:
Musikalische Sozialisation
Komplexe Musik und Instrument
Was bedeuten diese Aspekte für den Musikunterricht?
Was bedeuten diese Unterrichtsprinzipien für die konkreten Unterrichtsmethoden?
Welche Kompetenz brauchen die Lehrer/innen für diesen Unterricht?
Für welche Lerngruppe und welche Schulform eignet sich das selbstbestimmte Lernen?

Musikalische Sozialisation

Kinder rezipieren Musik im Prinzip nicht anders als Erwachsene oder Jugendliche: sie reagieren emotional auf Musik, sie entwickeln musikalische Präferenzen und sie nutzen Musik für ihre persönlichen Interessen. Die Ausdrucksformen jedoch unterscheiden sich natürlicherweise:
Kinder bewegen sich häufiger zu Musik.
Im Unterschied zu Jugendlichen nutzen sie Musik nicht zur Abgrenzung von Erwachsenen.
Anders als Jugendliche und Erwachsene sind sie trotz ihrer musikalischen Vorlieben besonders offen für andere Musikstile.

Je jünger Kinder sind, desto abhängiger sind sie von musikalischen Angeboten durch Erwachsene. Vor allem die Familie ist für das Kind von großer Bedeutung und was hier gehört wird, hören Kinder automatisch mit. Wie hier Musik beurteilt wird - durch verbale Kommentare (z.B. wenn eine Mutter zu ihrem Sohn sagt, dass seine Musik grauenhaft und gar keine Musik sei) oder durch konkrete Handlungen (beim Autofahren den Sender wechseln, seine Playlist anwählen, Musikvideos am Computer anschauen) – wird als Bewertungsmuster übernommen. So entsteht musikalischer Geschmack. Musik, die in der Familie für gut befunden wird, wird für lange Zeit (wenn nicht lebenslang) als positiv abgespeichert werden.
Doch Kinder lernen nicht nur Musik kennen und schätzen, sie erfassen auch gleichzeitig das Verhalten von Jugendlichen und Erwachsenen zu Musik: wenn die Mutter spontan mitsummt oder sich sanft zur Musik bewegt, wenn der Vater zur Musik Luftgitarre spielt oder unter der Dusche singt, wenn ein älteres Geschwister versunken oder aufgeputscht auf Musik reagiert, erhalten Kinder ein Handlungsspektrum in Bezug auf Musik eingebettet in das Erleben von Stimmungen, die durch Musik ausgedrückt werden.
Je älter und je interessierter Kinder an Musik sind, desto eigenständiger werden sie mit ihr umgehen, indem sie bestimmte Musikstücke selbstständig anwählen und dazu aktiv werden. Ab der dritten Klasse entwickeln Kinder zunehmend einen eigenen Geschmack und beschäftigen sich in ihrer gleichaltrigen Peergroup mit Musik. Dabei geht es noch lange nicht um die Abgrenzung von Erwachsenen, sondern um einen ichbezogenen Akt der Selbstfindung und –profilierung.

Komplexe Musik und Instrument

Diese musikalische Sozialisation erfolgt fast immer mit komplexer Musik, d.h. mit vollständigen Musikstücken, die Melodie, Rhythmus, verschiedene Liedteile und Begleitinstrumente vorweisen und arrangiert sind in einem bestimmten Musikstil einschließlich dem speziellen musikalischen Feeling, dem Groove und dem stimmlichen Ausdruck.
Natürlich gibt es auch Haushalte, in denen Kinder das Erlernen eines Musikinstrumentes erleben. Hier geht es dann weniger um komplexe Musik als vielmehr um das Musikinstrument selbst und die Tätigkeit seiner Nutzung, die sozialisiert. Es gibt dafür besonders beliebte Stücke wie z.B. für das Klavier „Für Elise“ oder für die E-Gitarre das Riff aus „Smoke on the water“. Doch beim Erlernen eines Instrumentes tritt die Musik verständlicherweise in den Hintergrund, denn man braucht unendlich lange, um irgendwann so gut musizieren zu können, dass es den eigenen Hörgewohnheiten entspricht. So erfüllend die Befriedigung sein kann, ein Instrument zu erlernen: musikalischer als jemand, der nur Musik hört, ist man deshalb nicht. Es kann sogar im Gegenteil sein, dass Kinder, die kein Instrument erlernen, aber mit Musik vielfältig aktiv sind, indem sie singen, tanzen, Videos gucken, sich verkleiden und darstellen, dichter und komplexer mit ihr umgehen als Kinder, die zwar instrumentale Techniken entwickeln, aber dabei den lebendigen Kontakt zu Musik vernachlässigen.

Was bedeuten diese Aspekte für den Musikunterricht?

1. Kinder kennen sich mit komplexer Musik bereits sehr gut aus, wenn sie in die Schule kommen. Wer Musik unterrichtet, sollte diese Kompetenz ernst nehmen und eine bewusste didaktische Entscheidung treffen, sobald er unter diesem Niveau bleibt: geht es z.B. vorrangig um Bewegungsabläufe, um Stimmtraining, um Notenlesen, um instrumentale Techniken oder elementare Parameterunterscheidung (z.B. langer – kurzer, lauter – leiser Klang), kann für diese kurzen Einheiten die Musik vernachlässigt werden. Geht es jedoch um Musik, zu der gesungen, getanzt oder mitgespielt wird, so sollten die Kinder auf ihrem hohen Niveau abgeholt werden.
2. Kinder haben musikalische Präferenzen, die direkt an ihr Zuhause gebunden sind. Man sollte dieser Musik durchgehend viel Raum im Unterricht geben, da sich auf diesem Wege die Kinder gegenseitig persönlich kennen und achten lernen und die Lehrkraft ein großes Repertoire an möglichem Unterrichtsstoff geschenkt bekommt.
3. Kinder lieben Musikinstrumente. Man sollte von Anfang an alle, auch die sog. hochwertigeren wie E-Bass, Klavier/Keyboard oder Gitarre anbieten.
4. Kinder brauchen Bewegung. Ob Stopptanz, Poptanz, Bewegungslieder oder Kreistänze: wer regelmäßig mit Kindern ab der 1. Klasse freie oder gebundene Tänze zu mitreißender Musik und gute Bewegungslieder anbietet, schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe:
Körperliche Aktivität entspannt.
Die Mehrfachkoordinierungen bei Tanz und Bewegung trainieren das Gehirn.
Der Gemeinschaftssinn einer Lerngruppe steigt durch gemeinsames Tanzen und Bewegen enorm an.
Es entsteht Freude und gute Laune, die allen nützt!
5. Wenn die Musik, die die Kinder in sich tragen, als entscheidendes Potenzial zur Kenntnis genommen und für den Unterricht genutzt wird, steht einem Angebot an musikalischer Vielfalt nichts mehr im Wege: klassische Musik, Avantgarde und Klangmusik, historische Volkslieder und –musik oder Darbietungen wie Oper, Konzert und Theater bereichern und öffnen Horizonte. Genauso viel Respekt, wie der Musik der Kinder entgegengebracht wird, werden die Kinder anderen Musikrichtungen gegenüber entwickeln können. Die Offenheit, die die Lehrkraft der kindlichen Nutzung von Musik entgegenbringt wird der Offenheit entsprechen, mit der sich die Kinder ungewohnten Klängen und Aufführungspraktiken werden widmen können.

Was bedeuten diese Unterrichtsprinzipien für die konkreten Unterrichtsmethoden?

Zuallererst sollte den Kindern klar gemacht werden, dass sie diejenigen sind, um die es im Unterricht geht. Was sie lernen wollen, wird ermöglicht. Was sie von sich aus über ihre Musik preisgeben wollen, findet Raum. Was sie gestalten wollen, wird umgesetzt.
Die Methode dafür lautet: Fragen – Zuhören – Auswerten. Fragen, die den Kindern gestellt werden, können sein: Was möchtest du hier lernen? Welche Musik hörst du gerne und woher kennst du sie? Was tust du beim Musikhören?

Hier ein paar Beispiele von Unterricht, der aus den Antworten resultieren kann:
Ein Kind erzählt, sich mit Freunden einen Tanz zu dem Stück On the floor von Jennifer Lopez ausgedacht zu haben. Es bringt das Stück mit und zeigt allen den Tanz. Gefallen Musik und Tanz, wird geübt und ggf. einer anderen Lerngruppe vorgeführt. Hat der Tanz Lücken, werden weitere Ideen gesammelt und zusammengefügt. Soll ein anderes Musikstück verwendet werden, werden Vorschläge gesammelt, vorgestellt, entschieden.
Ein Kind erzählt, dass es den Becherrhythmus aus dem Film Pitch Perfect zum Cupsong beherrscht. Alle schauen den entsprechenden Ausschnitt aus dem Film und lernen den Rhythmus mit einem Becher zu spielen.
Ein Kind erzählt von seinem Vater, der so gerne die Toten Hosen und ACDC hört. Es bringt Musikbeispiele mit und alle erfahren etwas von dem Vater und indirekt auch ein Menge über die Vater-Kind-Beziehung.
Ein Kind gibt an, akustische Gitarre lernen zu wollen. Daraufhin besorgt die Lehrkraft eine bzw. möglichst viele Gitarren und zeigt den Griff E-Moll, der recht einfach zu spielen und für alle machbar ist. Je nach instrumentaler Ausstattung wird das Instrument herumgereicht oder mehrere Instrumente werden abwechselnd gespielt, sodass jede/r zum Zuge kommen kann. Bei Interesse werden ein Lied (z.B. Fing mir eine Mücke heut, weil es auch auf E-Moll basiert) und eine Stabspielbegleitung (Töne: e-h) hinzugenommen.
Ein Kind möchte einen deutschsprachigen Rap, z.B. Willst du von Alligatoah praktisch umsetzen. Nachdem sich die Lehrkraft den Song über das Internet angehört hat, kann diese Idee ganz entspannt abgelehnt werden, weil der Text nicht grundschulgeeignet ist.
Ein Kind möchte Blockflöte und das Notenlesen lernen. Nun werden so viele Blockflöten wie möglich beschafft und Spielweise sowie die Griffschrift erklärt. Dann wird eine einfache Melodie erlernt (z.B. Haribo macht Kinder froh = g,g,e,a,g,g,e - ). Wenn alle Kinder die Melodie mehr oder weniger können, werden den Griffschriften die Noten zugeordnet. In große Notensysteme schreiben die Kinder die Noten ab. Zusätzlich kann die komplette Tonleiter in C-Dur notiert und abgeschrieben werden.

Diese wenigen Beispielen zeigen, wie Kinder Impulse setzen können, die die Lehrkraft dank ihrer pädagogischen und fachspezifischen Kompetenz ergänzen und in Unterrichtsabläufe gießen kann. Solche Unterrichtssequenzen können sich dann mit Einheiten abwechseln, die die Lehrkraft aus Schulbüchern, Zeitschriften oder eigenem Repertoire anbietet. Spürt sie allerdings, dass keine Energie für ihren Vorschlag aufkommt, lässt sie ihn beiseite, denn wo Interesse oder Leidenschaft fehlen, ist Lehreraktivität übertriebene Liebesmüh. Bei den Unterrichtsvorschlägen, die von den Kindern ausgehen, wird mangelnde Energie seltener der Fall sein, weil hier Kinder aus der Gruppe die Energieträger sind. Das verschafft eine solide Basis für die Bereitschaft der Anderen, sich dem mit Unterrichtsgegenstand konstruktiv zu beschäftigen.

Welche Kompetenz brauchen die Lehrer/innen für diesen Unterricht?

Lehrer/innen bringen in der Grundschule erfahrungsgemäß sehr viel Offenheit den Schüler/innen gegenüber mit. Die „Kunst“ besteht nun >nur< noch darin, aus dieser Offenheit auch ganz direkt guten Unterricht fließen zu lassen.
Lehrer/innen sind selbst ganz natürlicherweise musikalische Menschen und nehmen an der Musikkultur aktiv teil. Sie sollten ihren natürlichen, privaten Umgang mit Musik nicht an der Schulpforte ablegen.
Die Fachkompetenz sollte dahingehend untermauert werden, dass Schülervorschläge sach- und fachgerecht aufgegriffen und entwickelt werden.
Wer nicht über die speziellen Fachkompetenzen verfügt, die für die Umsetzung der Schülerinteressen vonnöten sind, sollte diese nicht ignorieren, sondern jemanden fragen, der sie hat und helfen kann.

Unbestritten bedeutet es recht viel Aufwand für die Lehrkraft, musikalischen Schülerinteressen gerecht zu werden, wie man sich anhand der oben genannten Beispiele gut vorstellen kann. Es wird dem Lehrer/der Lehrerin also mehr organisatorischer Aufwand zugemutet als lehrerzentrierter Unterricht ihn erfordert. Der Lohn dafür liegt in einer nachhaltigen Lernkultur, denn wer mit Leidenschaft und intrinsischer Motivation lernt, behält diese positive, intensive Lernerfahrung als Basis für persönliche Weiterentwicklung. Die Erfahrung zeigt, dass das fachliche Niveau steigt, dass die Lernfreude dauerhaft hält und dass die persönliche Zufriedenheit bei fast jedem einzelnen Schüler und jeder einzelnen Schülerin sehr ausgeprägt ist. Mit der Zeit verbessern sich die Disziplin und die Gesprächskultur, die Einsatzbereitschaft und der gegenseitige Respekt. Das Arbeitsklima gestaltet sich entspannt, aktiv und ergebnisorientiert.

Für welche Lerngruppe und welche Schulform eignet sich das selbstbestimmte Lernen?

Es gibt für dieses didaktische Prinzip keine Einschränkung. Die Autorin selbst unterrichtet in einer ganz normalen, großen Oberschule und einer Grundschule mit Frontalunterricht, geschlossenen Klassenräumen, inklusiven Klassen bis zu 25 Schüler/innen und nichtinklusiven Klassen bis zu 32 Schüler/innen. Es gibt einen gigantischen Katalog an Strafregelungen, es gibt Zensuren, Kopfnoten, Sitzenbleiben usw. Strafen, Stress und Langeweile erübrigen sich allerdings im Musikunterricht und das liegt nicht am Fach, sondern an seiner didaktischen Ausrichtung. Man stelle sich vor, auch Sport, Rechnen, Lesen, Schreiben, Philosophieren und Gestalten würden sich inhaltlich nach den Schülerinteressen ausrichten – was für eine Lernlandschaft könnte so entstehen!
Natürlich lassen sich Schülerinteressen umso einfacher umsetzen, je kleiner und je interessierter die Gruppe am Fach Musik ist. Daher bieten sich Arbeitsgemeinschaften oder Wahlpflichtkurse besonders an, um das Prinzip des selbstbestimmten Lernens in Erfahrung zu bringen und zu vervollkommnen.

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