Curriculum und Popmusik in der Grundschule – wie passt das zusammen?

Eine Rede von Bettina Küntzel; gehalten am 24.11.2017 auf dem Kongress Popmusik in der Grundschule in Hamburg

 

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Curriculum und Popmusik in der Grundschule – wie passt das zusammen?

Die meisten, die hier in diesem Raum gerade versammelt sind, würden vermutlich normalerweise um diese Zeit unterrichten. Vielleicht sogar das Fach Musik. Manche unter uns haben Musik als Grundschulfach studiert, vielleicht sogar als Hauptfach. Andere wiederum wurden in das Fach hineingezwungen und fühlen sich als fachfremd Unterrichtende weniger wohl in ihrer Rolle. Und sicher sitzen hier auch eine Reihe von Lehrer und Lehrerinnen, die sich freuen, Musik zu unterrichten, obwohl sie es nicht studiert haben. Die meisten Lehrer und Lehrerinnen, die Musik unterrichten, genießen es, dass sie in diesem Fach etwas freier agieren können als in anderen Fächern. Dass im Fach Musik Gestaltungsspielraum herrscht. Hier müssen keine fest definierten Ziele in vorgegebener Reihenfolge abgearbeitet werden. Allerdings – und das ist uns sicher allen gemeinsam – kann Musikunterricht genau deswegen auch ganz schön ... anstrengend sein. Hier ein Zitat aus einem Aufsatz über Motivation und Stressbewältigung von Musiklehrer/innen.

Zitat:
„Musikunterricht wird durch den Charakter des Faches als stressreich empfunden, denn er ist meist handlungsorientiert angelegt und mit Klang und Lärm verbunden.“

Viola Cäcilia Hofbauer: Motivation und Stressbewältigung von Musiklehrer/innen, Seite 240 in: BMU, 3. Bundeskongress Musikunterricht, Koblenz 2016

Die Arbeit mit Büchern in Fächern wie Deutsch oder Mathematik wird daher von vielen Kolleg/innen als Ausgleich zum Fach Musik angesehen. Hier geht es einfach ruhiger zu und die Kinder bewegen sich nicht so viel. Die Schüler/innen sehen es häufig genau anders herum: für sie ist Musik das Ausgleichsfach zu Deutsch oder Mathe. Eben weil sie hier singen, musizieren und tanzen dürfen.
Hier noch ein Zitat aus demselben Aufsatz:

„ Wenn das Fach Musik von den Schüler/innen als Entlastungsfach angesehen wird, resultieren daraus häufig Disziplinprobleme.“

Viola Cäcilia Hofbauer: Motivation und Stressbewältigung von Musiklehrer/innen, Seite 240, in: BMU, 3. Bundeskongress Musikunterricht, Koblenz 2016

Es gibt viele Kinder, die mit dem gegebenen Freiraum nicht oder nur schwer zurecht kommen und dann überdrehen. Sehen Sie diese Kinder aus Ihren eigenen Klassen vor sich? Die wollen nichts Böses, sie nutzen nur jede Lücke um ihre innere Unruhe loszuwerden oder ihr natürliches Temperament auszuleben. Um mich selbst ein wenig zu schützen, trage

ich daher an meinem Lehrerschlüsselbund ein Täschchen mit Ohrstöpseln. Und an meiner Schule geben wir im Musikbereich sogar Ohrstöpsel auch an Kinder aus, die mit der zeitweiligen Lautstärke nicht zurecht kommen. Übrigens trage ich diese Ohrstöpsel manchmal sogar im Lehrerzimmer, denn ein großes Kollegium kann auch ganz schön laut werden ...

Umso schöner, dass wir hier nun alle zusammensitzen, um uns zu stärken, auszuruhen, Spaß zu haben, und viele unterrichtsentlastende Materialien und Ideen mit nach Hause zu nehmen. Seien Sie also auch in diesem Sinne noch einmal herzlich willkommen!

Die wichtigste Frage, die sich durch unseren Beruf und entsprechend auch durch diesen Kongress zieht, lautet:

Was macht guten Musikunterricht aus?

Es ist sicher hilfreich, das Fach Musik auf Lehramt studiert zu haben, aber das ist kein Garant für guten Musikunterricht! Guter Musikunterricht ist gegeben, wenn die Kinder sich mit ihrer Begeisterung für Musik maximal in den Unterricht einbringen können, wenn sie ihre individuellen und gemeinschaftlichen Kompetenzen maximal zeigen und entwickeln können.

Wenn jedes Kind am Ende der Grundschulzeit von sich sagen kann: Ich liebe Musik, ich kann singen, ich kann auf Instrumenten musizieren, ich kann tanzen und ich bin offen für ganz viel Neues im Zusammenhang mit Musik. Dann haben Sie es geschafft: dann haben Sie guten Musikunterricht gegeben, der auch nachhaltig wirkt, weil die Kinder mit diesem Bewusstsein ihre musikalische Zukunft positiv gestalten werden.

Fragen Sie Ihre Schüler und Schülerinnen mal, für welche Musik die sich gerade begeistern. Da kommen nicht nur aktuelle Hits, die in den Medien präsent sind. Da kommt auch „Der Karneval der Tiere“ – davon habe ich ein Hörspiel!“ Oder: „„What shall we do with the drunken sailor“ von meiner Englisch-Lern-CD!“ oder „Die Filmmusik von Ostwind!“ oder das Neueste von Lena & Lisa von der Musical.ly-App oder ein bestimmter Song, z.B. Massari des kurdisch-deutschen Popstars Eno.

Kinder leben in unterschiedlichen Familien und gesellschaftlichen Zusammenhängen. In der Grundschule sind auch spätere Gymnasiasten noch mit allen anderen vereint. Es gibt daher eine große Vielfalt an Musik, die Kinder aus ihrem Elternhaus mitbringen. Sie haben die Musik vielleicht nicht in ihrem Schulranzen – obwohl viele Kinder inzwischen ein eigenes Handy haben, das ihre Lieblingsmusik abrufbereit gespeichert hat. Nein, die Kinder bringen diese Musik mit in die Schule, weil sie sie im Kopf haben! Sie summen Zeilen, Wortfetzen, trällern rhythmische Phrasen und erfreuen sich daran. Eine solche aktive Präsenz von Musik ist besonders häufig bei aktuellen Hits gegeben, weil diese immer wieder gehört werden, wenn sie auf allen Kanälen laufen.

Doch wie soll guter Unterricht entstehen, wenn wir diese spezifische Begeisterung für einen aktuellen Hit aufgreifen?

Nehmen wir an, ein Kind antwortet auf die Frage, für welche Musik es sich im Moment am meisten begeistert: „Das Lied „Ist da jemand“ von Adel Tawil.“. Und etliche Kinder nicken zustimmend, weil sie das Lied auch schon kennen und mögen. Dann können Sie dieses Lied aufgreifen. Vor allem, wenn Ihnen selbst das Lied bereits vertraut sein sollte und Sie es auch ganz gut finden. Man verschafft sich den Text und das Hörbeispiel und vielleicht hat man das Glück es in einer Ausgabe der Zeitschrift „Popmusik in der Grundschule“ zu finden. Dann wird daraus Unterricht. Inhaltlich diskutieren die Kinder den Text, sie erfassen hörend und analysierend, wie sich die Melodie entwickelt. Beim Singen müssen die längeren Pausen zwischen den Zeilen beachtet werden. Und so weiter, und so fort. Man übt, trainiert, analysiert und arbeitet so an einem optimalen Gruppenergebnis.

Grundlage für diese Art der Unterrichtsarbeit ist eine Kompetenz, die die Kinder genauso mitbringen wie Sie sie als Lehrerin oder als Lehrer mitbringen: das Hören von Musik. Wenn Sie Musik hören, hören Sie nicht nur die Melodie in ihrem Rhythmus und mit ihrem Text. Sie hören auch alle Begleitinstrumente und können bei genauem Hinhören erfassen, ob eher eine Gitarre bzw. ein Klavier mit Begleitakkorden oder zum Beispiel ein Schlagzeugrhythmus dominant sind. Sie hören die Singstimme und wie sie die Melodie interpretiert. Sie hören den Stil der Musik und erfassen, ob es sich ganz grob gesehen um eine Ballade, einen Song aus der Elektromusik oder um Rap, also Sprechmusik handelt. Dieses Wissen entsteht nur durch Hören und durch das Sich-bewusst-machen dessen, was Sie da hören. Nehmen Sie diese, Ihre Intuition ernst! Sie können davon ausgehen, dass Kinder eine ähnliche haben, sodass sie darauf die ersten Unterrichtsschritte aufbauen können. Ist dieses Lied vor allem zum Singen geeignet? (wie zum Beispiel „Ist da jemand?“) Oder zum Tanzen (wie zum Beispiel Despacito - wegen des spanischen Textes)? Oder gar nicht bzw. nur mit einem gänzlich neuem Text? (wie zum Beispiel Louis, Louis, Louis oder eben auch Despacito)

Auch Begleitrhythmen werden vor allem intuitiv erfasst. Wenn Sie gemeinsam mit Ihren Kindern zur Musik spontan rhythmisch auf den Oberschenkeln trommeln, entsteht oft ein einheitlicher Rhythmus, der zur Musik passt. Erst, wenn es um konkrete Begleitarrangements mit Tönen auf Musikinstrumente geht, setzt stures Fachwissen ein, denn Sie müssen wissen, welche Töne wann gespielt werden müssen. Doch da gibt es Tricks und Tipps, die Ihnen auch im Laufe dieses Kongresses näher gebracht werden können, falls Sie einen entsprechenden Kurs gebucht haben. Ich möchte Sie mit diesen Hinweisen nicht davon abhalten, sich Fachwissen anzueignen. Unter dem Motto: meine Intuition reicht. Doch ich möchte Sie ermuntern, ein solides Selbstbewusstsein für diese Kompetenz zu entwickeln, die tatsächlich aus Ihrer Intuition entsteht. Es ist der Schritt

von der Intuition zur Bewusstheit, der musikbezogene Kompetenz stärkt und Sie befähigt, damit guten Unterricht zu geben. Ich habe ein Buch mit dem Titel „Kinder & Musik – was Erwachsene wissen sollten“ geschrieben. Dort werden die vielen Erscheinungsformen des intuitiven Lernens beschrieben und aufgezeigt, wie mit einer Art „heimlichem Lehrplan“ guter Unterricht gemacht wird.

Noch einen Tipp: gehen Sie NICHT davon aus, dass Sie die Kinder erst zur Musik bringen müssen. Die sind schon lange da! Viele Kinder gehen sehr aktiv mit Musik um und können ihren Ideenreichtum einbringen.

Doch wir sind ja nicht zum Spaß hier. Wir sind im Dienste des Staates unterwegs und haben uns an die staatlichen Vorgaben zu halten. Wir sollen Output liefern. Leistungen abrufen und bewerten. Daher schauen wir uns nun mal diese Vorgaben und Empfehlungen genauer an.

Was sagen die Curricula?

Bundesweit werden in allen Kerncurricula und Bildungsstandards die angestrebten Ergebnisse von Lehr- und Lernprozessen beschrieben. Alle Kerncurricula haben eine vergleichbare Grundstruktur. Sie gehen von Kompetenzerwartungen aus. Hier ein Zitat aus den nordrheinwestfälischen Curricula für Musik:

„Die Orientierung an Kompetenzen bedeutet, dass der Blick auf die Lernergebnisse gelenkt, das Lernen auf die Bewältigung von Anforderungen ausgerichtet und als kumulativer Prozess organisiert ist.“

Also als ein kumulativer Prozess, innerhalb dessen sich Wissen und Erfahrung anhäufen. Da sich die musikbezogenen Kompetenzen in den Bundesländern ähneln, werde ich mich im Folgenden auch weiterhin auf die Curricula des Faches Musik in NRW beziehen.

Zwei Unterrichtseinheiten
Ich möchte Sie bitten, mit mir gemeinsam nun zwei ganz konkrete Unterrichtseinheiten nachzuvollziehen, die jeweils unterschiedliche Wege beschreiten, nach denen Unterricht ausgerichtet ist. In der ersten Unterrichtseinheit steht ein traditionelles Lied im Zentrum, das die Kinder noch nicht kennen. Die Vermittlung verläuft hier im sogenannten Input- Output-Verfahren: ich als Lehrer gebe ein Input und als Output soll genau das als Kompetenz des Schülers herauskommen. Im zweiten Unterrichtsbeispiel bringen Schüler oder Schülerinnen einen aktuellen Hit mit in den Unterricht. Bei diesem Weg werden die Interessen der Schüler mit einbezogen. Sie gestalten auch die Unterrichtsschritte mit. Hier geht es eher um die Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler für das Unterrichtsgeschehen.

Zu den beispielhaften Unterrichtsschritten werde ich jeweils die Aspekte aus den Curricula einblenden. Und zwar für alle vier Klassenstufen, obwohl die Beispiele eher für die Klassen 1 und 2 oder für die Klassen 3 und 4 geeignet sind. Auf diese Weise erhalten Sie einen Einblick über alle Jahrgänge der Grundschule.

Der erste Weg: Input-Output

Ich singe den Schülern ein Lied vor, z.B. ein jahreszeitlich relevantes, zum Beispiel „Sankt Martin“. Die Kinder singen es nach. Wir machen Stimmbildungsübungen, um das Lied noch besser singen zu können

Die Schülerinnen und Schüler singen demnach entsprechend der Curricula  ... überlieferte und aktuelle Lieder (Klassen 1 und 2),

 ... mit differenzierten melodischen und rhythmischen Verläufen und Harmonien (Klassen 3 und 4).

//
Sie singen curricular gesehen ...
 ... artikuliert, locker und anstrengungsfrei,
 ... in einem nach oben erweiterten Tonumfang,
 ... Lautstärke, Tempo und Ausdruck angemessen (alles für die Klassen 1 und 2),
 ... mit erweitertem Stimmumfang (Klassen 3 und 4). Wir spielen eine vorgefertigte Rhythmusbegleitung dazu.

Curricular bedeutet das:

 ... begleiten Lieder auf Rhythmusinstrumenten auch nach grafischen Notationen (Klassen 1/2),

 ... verwenden auch einfache traditionelle Notationen (3/4).

Wir erarbeiten das Lesen der Klangstriche in der ersten oder zweiten Klasse und das Lesen der Notenwerte in der 3. und 4. Klasse einschließlich des Lernens der Begriffe Halbenote und Viertelnote.

Ich lasse die Rhythmusbegleitung einzeln vorspielen um eine Leistungsbewertung zu erhalten.

Das wäre die eine Einheit: ein traditionelles Lied wird im Input-Output- Verfahren beigebracht. Man kann so unterrichten – keine Frage. Als Lehrer mit einem guten Kontakt zu den Kindern sowieso.

Stellen Sie sich als nächstes eine Unterrichtseinheit vor, die ganz anders aufgebaut ist, weil sie aufgreift, was von den Schüler/innen eingebracht wird oder weil Sie als Lehrkraft aktuelle Popmusik mit in den Unterricht bringen, von der Sie annehmen, dass sie den Präferenzen der Schülerinnen und Schüler entspricht. Auch hier werde ich die entsprechenden curricularen Aspekte aus NRW einblenden.

Bleiben wir bei diesem recht neuen Song „Ist da jemand“ von Adel Tawil. Die Kinder wissen, dass sie den Unterricht mit ihren Vorschlägen mitgestalten können. Ein Kind bittet daher darum, dass wir dieses Lied gemeinsam singen.

 ... stellen ihre eigene Lieblingsmusik vor (entsprechend der Curricula). Oder Sie kommen mit der neuen Zeitschrift in den Unterricht und fragen,

wie es um den Song „Ist da jemand“ bestellt sei. Ein positives Feedback gibt den Startschuss.

Wir hören das Lied. Wir reden über den Text. Wer kann das sein: dieser Jemand?
Wir sprechen über den Aufbau der Melodie: Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Zwischenteil – Refrain mit Wiederholung – Schluss. Das heißt curricular: wir

 ... unterscheiden hörend elementare Gliederungsprinzipien (1/2),  ... erkennen grundlegende musikalische Formen (3/4)

Wir sprechen über die Entwicklung der Melodie in musikalischer Hinsicht und über die Wirkung dieses musikalischen Effektes. Die Tonlagen verändern sich nämlich pro Liedteil. Das heißt: man lässt hier curricular gesehen ...

 ... den Ausdrucksgehalt von Musik auf sich wirken (1 – 4) und

 ... erklärt, welche musikalischen Mittel den Ausdruck bewirken (Klassen 3 und 4).

Wir machen Stimmexperimente in Hinblick darauf, in welcher Tonlage die Klasse dieses Lied singen könnte. Es wird deutlich, dass wir in einer eher tieferen Tonlage beginnen, damit wir dann in einer eher hohen Tonlage den Refrain und den Zwischenteil singen können. Das heißt curricular: wir singen

 ... artikuliert, locker und anstrengungsfrei,
 ... in einem nach oben erweiterten Tonumfang,
 ... Lautstärke, Tempo und Ausdruck angemessen (alles für die Klassen 1 und 2),
 ... mit erweitertem Stimmumfang (Klassen 3 und 4).

Wir singen das Lied.

Entsprechend der Curricula singen wir also ...

 ... überlieferte und aktuelle Lieder (Klassen 1 und 2),

 ... mit differenzierten melodischen und rhythmischen Verläufen und Harmonien (Klassen 3 und 4).

Wir überlegen, wie man den Popsong über das Singen hinaus gestalten könnte. Es kommen zwei Vorschläge: der eine besagt, dass man die Melodie aus dem Intro nachspielen könnte. Der andere Vorschlag meint, man könne den Inhalt und den Aufbau des Liedes in einem Bewegungsspiel umsetzen.

Die Liedbegleitung

Da die Melodie aus dem Intro recht schwer zu spielen ist, biete ich zusätzlich eine Bassbegleitung an.

Die curricularen Bezüge sind beispielsweise:
 ... begleiten geeignete Musikstücke auf Instrumenten,
 ... verwenden grafische und einfache traditionelle Notationen (3/4).

Es wird über die Schwierigkeit in der Intromelodie gesprochen, da man die erste Note drei Schläge lang aushalten muss und dann die nachfolgenden beiden Achtelnoten spielt.

Die Kinder tun sich pro Instrument zusammen. Einige nehmen sich das Xylofon und spielen die Töne der Bassbegleitung, andere nehmen sich ein Glockenspiel und probieren die Töne der Intromelodie. Ich teile die Kinder nicht ein, denn ich kann nicht wissen, wer die Intromelodie so gut im Kopf hat, dass es für diese Person kein Problem darstellt, sie zu spielen.

Die Bewegungsidee
Kommen wir nun zur Bewegungsidee. Sie wird gemeinsam im Klassengespräch entwickelt. Im Ergebnis geht jedes Kind in den Strophen allein und nachdenklich durch den Raum, bleibt dann in der Bridge stehen zeigt auf den Himmel und am Ende gehen alle kreuz und quer durch den Raum, umarmen sich, schütteln Hände. Dazu passen zum Beispiel diese curricularen Inhalt

Die Schüler/innen
 realisieren passende eigene Bewegungsformen zu Liedern und Musikstücken und machen dabei Stimmungen der Musik deutlich (Klassen 1 und 2),

 führen Tänze zu Liedern und Musikstücken aus und gestalten diese (Klassen 3 und 4).

So, das waren ganz grob die beiden Unterrichtsverläufe. Was war anders, was war gleich?
Klar, im ersten Beispiel folgen die Schülerinnen und Schüler den Vorgaben der Lehrkraft. Das tun die meisten Kinder ja auch gerne und von Vorteil ist für viele Lehrerinnen und Lehrer dabei, dass sie das Unterrichtsgeschehen im Griff haben, weil jeder Unterrichtsschritt vorab planbar ist. Für das zweite Beispiel kann man sich vorstellen, wie intensiv die Kinder an ihrem selbst gewünschten Projekt arbeiten. Das kann anstrengend sein, aber es ist auch schön und von nachhaltiger Wirkung.

 

Und was war gleich? Die Bezüge zu den Curricula. Sie sind entweder genau gleich oder nur unterschiedlich gewichtet. Daraus folgt: Unterricht mit Popmusik gewährleistet genauso die Arbeit mit den Curricula wie jeder andere Unterricht auch.

Und wenn es Ihrem Unterrichtsstil mehr entsprechen sollte, methodische Vorgaben zu machen: kein Problem. In dieser Zeitschrift finden Sie guten Unterricht mit Popmusik, den Sie Schritt für Schritt genauso unterrichten können.

Es gibt Unsicherheitsbereiche für den Musikunterricht, die ich nun noch explizit ansprechen möchte. Der eine ist die Leistungsbewertung. Hier haben wir es mit den Curricula angenehm leicht, denn es werden alle im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten mündlichen, schriftlichen und praktischen Leistungen berücksichtigt. Hier verkürzt zusammengefasst fachbezogene Bewertungskriterien aus den NRW- Curricula.

 

 Experimentierfreude
 Einbringen erworbener Kenntnisse
 Unterscheidung von Musikstücken
 Beiträge für gemeinsame Vorhaben
 praktische Beiträge in den Lernfeldern „Musik machen“, „Musik hören“, und „Musik umsetzen“
 Kommunikations- und Reflexionskompetenz
 über den Musikunterricht hinausgehendes Engagement (z.B. Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften oder Darbietungen im Rahmen des Schullebens)

Es gibt ein Forum bei Facebook, das nennt sich

Ideen für den Musikunterricht in der Grundschule

Hier gab es eine Debatte über das Zensieren von Singen, denn es fragte eine Userin:

„Wie gebt ihr Noten auf das Singen (3. Klasse)? Möchte sie nicht alleine vorsingen lassen ... aber sonst hört man ja auch nicht raus, wer wie gut singt?“

Die meisten Reaktionen waren eindeutig: „Bitte keine Noten auf’s Singen!“

Eine Gesangspädagogin hat in dieser Debatte das Phänomen Singen sehr gut beschrieben. Sie kann aus Fortbildungen mit Erzieherinnen und Lehrerinnen rückmelden, dass ...

„ ...ganz viele Erwachsene ab dem Moment wo sie vor der Klasse singen mussten und bewertet wurden, die Freude und auch das Selbstvertrauen zum Singen verloren haben. Singen ist die persönlichste Art und Weise wie wir Menschen uns ausdrücken können. In dem Moment wo ich vor einer Gruppe singe, öffne ich mich, zeige mich, mit meinem ganzen Selbst. Es ist so eine direkte Form der Kommunikation. Das macht manchen Kindern sehr viel Freude und die sollte man unbedingt darin unterstützen! Manche Kinder haben aber einfach Angst, nicht weil sie nicht singen wollen/ können, sondern weil sie sich nicht so zeigen wollen/ können.“ Wenn man irgendwie eine Note geben müsse, wäre es besser zum Beispiel darauf zu achten wie man in der Gruppe singt, ob man aufeinander hören kann, ob man gut zuhören kann, Rhythmus, Tanz, Fantasie, Referate etc. eben alle kommunikativen Aspekte des Singens und Musizierens als Lehrer zu beobachten.

Vergegenwärtigen wir uns angesichts dieser klugen Ausführung noch einmal, worum es in der Grundschule geht. Als Pädagogen geht es uns immer und in allen Fächern um das Lernen. Lernen als Basiskompetenz für das gesamte weitere Leben. Lernen als die Lust am Erkennen, Entdecken. Die Freude daran, Fragen zu haben und Antworten zu finden. Jede einzelne Kompetenz, die erworben wird, führt zu neuen Möglichkeiten. Das macht Spaß und bringt Befriedigung. Zumindest, wenn meine Persönlichkeit dabei heile bleibt. Die Schule soll diese Sicherheit geben: hier bist du richtig, hier wirst du wahrgenommen, hier entdeckst du deine Möglichkeiten im geschützten Raum. Es geht im Musikunterricht also nicht um die Musik selbst. Das geschieht in Expertenzirkeln wie Kinderchören, Jugendorchestern oder einem späteren Musikstudium. In solchen Bereichen geht es ausschließlich um die Qualität der Musik. Im Musikunterricht der allgemeinbildenden Schule geht es natürlich auch um ein möglichst gutes musikalisches Ergebnis. Aber zuerst einmal geht es um den natürlichen, gesunden Boden, auf dem alles Weitere gedeihen kann. Die Ausführungen der Gesangspädagogin, die wir gerade vernommen haben, betonen etwas ganz wichtiges dafür: den Respekt. Respekt vor allen musikbezogenen Äußerungen, die unsere Schüler/innen uns mitteilen.

Insofern tut es ein bisschen weh, den Bericht einer Mutter in dem genannten Forum zu lesen. Sie schreibt:

„Die Musiklehrerin meines Sohnes sagt seit der ersten Klasse, dass er zu tief singt und keinen Ton halten kann. Das ist total demotivierend. Im normalen Alltag singt er. Seit er klein ist, hören wir Musik. Konnte mit 1 1/2 Jahren teilweise Tabaluga mitsingen. Im Urlaub hören wir Musik hoch

und runter. (Auf seinen Wunsch).
Das, was er in der Schule lernt, versucht er sogar Zuhause zu üben... . "Aber ich kann ja nicht singen", sagt er dann. Sehr frustrierend.“

Und auf die Frage, was denn die Lehrerin unternommen habe, um den Tonraum des Sohnes nach oben zu erweitern, antwortet sie mit lachenden Smileys:

„Mit Liedern und Übungen. Er ist immer noch tief.“

Es ist tatsächlich ein wichtiger Unsicherheitsbereich, in dem sich viele Lehrerinnen und Lehrer bewegen. Häufig mit dem Ergebnis, dass sie einfach möglichst wenig oder gar nicht im Unterricht singen. Tatsächlich ist es ein Mythos, dass alle Grundschulkinder hoch singen können müssten und am besten die Lehrerinnen gleich mit. Doch dazu wird Ihnen morgen Prof. Dr. Winfried Adelmann in seinem Vortrag über das Singen wichtige und grundlegend neue Erkenntnisse mitteilen. Vielleicht mit dem Ergebnis, dass wir alle mehr singen werden und das dann auch gerne tun.

Damit können wir gleich beginnen, denn Daniela Steigel und Gesine Krüger werden im Anschluss exakt diesen Song „Ist da jemand?“ mit uns singen, sodass sie jetzt und hier bereits konkretes Unterrichtsmaterial mitnehmen können.

Ich wünsche Ihnen darüberhinaus für die kommenden zwei Tage Spaß an neuen Erkenntnissen, vertiefenden Einsichten, motivierenden Ideen und einer Menge Spiel- Tanz- und Singefreude!