Musik lieben

Vortrag von Bettina Küntzel auf dem PopiG-Kongress 2019

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Lieben Sie Musik?

 

In jedem Fall werden Sie in irgendeiner Form Musik mögen. Sie ist Ihnen zumindest so wichtig, dass Sie sie als Schulfach unterrichten oder innerhalb des Schullebens gestalten wollen. Und vielleicht lieben Sie die Musik außerhalb der Schule noch viel mehr als innerhalb der Schule.

 

Es gibt auch Menschen, denen Musik nicht so wichtig ist. Für andere ist sie eine angenehme Begleiterscheinung, für wiederum andere ist sie Lebenszweck. Diese Menschen brauchen Musik für ihr persönliches Leben.

 

Ich möchte heute versuchen, die Liebe zur Musik ein wenig zu ergründen und darüber nachzudenken, wie sie als Ausgangspunkt für guten Musikunterricht dienen könnte.

 

Was Musik ist

 

Musik ist „klingende Luft“, sagt der italienische Komponist und Pianist Feruccio Busoni.1 Stimmt. Das ist eine präzise und objektive Definition von Musik. Der pure Klang ist jedoch lediglich das Medium, durch das die Botschaft der Musik vermittelt wird. Doch welche zentrale Botschaft ist das?

 

„Musik ist die Sprache der Empfindung.“, so hat es Carl Philipp Emanuel Bach - einer der Söhne von Johann Sebastian Bach - vor mehr als 350 Jahren formuliert.2 Sie hat ihren Ursprung im Innersten des Menschen.

 

Sie ist die Kunst mit dem unmittelbarsten Zugang zu unseren Gefühlen. So findet die Musik ihren Weg zu den geheimsten Plätzen unserer Seele und vollzieht eine Grenzüberschreitung in das tiefste Innere eines Menschen.

 

Der Dichterphilosoph Emile Cioran beschreibt dieses tiefste Innere auch als Tiefenschichten der Erinnerung. Er schreibt: „Wir tragen in uns die gesamte Musik; sie ruht in den Tiefenschichten der Erinnerung. All das, was musikalisch ist, gehört zur Reminiszenz.“3 Hat also den Anklang an etwas Früheres, ist eine durch Musik wachgerufene Erinnerung.

 

Dieses unmittelbare Berührtsein bedeutet eine grundlegende Verschränkung von Eindruck und Ausdruck. Auch ohne konkreten Anlass kann allein die Musik zum Beispiel Trauer oder Freude empfinden lassen.

Am Ende des Romans „Unter der Drachenwand“ schildert dessen Autor Arno Geiger diesen Effekt: „Ich legte meine Lieblingsplatte auf, der Tenor sang von der großen Liebe, die er leichtfertig vertan hatte ... und Margot legte ihre Hand auf meine Wange und ich legte eine Hand auf ihre Hüfte und spürte das Reale ihres Körpers und da freute ich mich so, dass ich das Lied nicht mehr als langes Schluchzen empfand, die Akkorde zitterten durch meinen Körper und die Freude summte in meiner Brust.“4 Wo die Unmittelbarkeit der Musik ihn in eine traurige Stimmung versetzt hatte, schafft die Berührung durch die geliebte Frau dann doch noch einen Empfindungswechsel.

 

In diesem Sinne postuliert auch der alte Aristoteles, dass die Musik in der Lage sei, der Seele eine ganz bestimmte Wesensart zu verleihen. „Es gibt nun zu den wahrhaft echten Naturen in den Rhythmen und Liedern außerordentliche Ähnlichkeiten von Zorn und Sanftmut, ferner von Tapferkeit und Besonnenheit und von all dem, was das Gegenteil davon ist, und dazu noch von den übrigen Charaktereigenschaften; das geht klar aus den Tatsachen hervor.“5 Daher sei die Natur der Musik über den Aspekt der Erholung und der Vergnügung hinaus höherwertig anzusetzen, da sie sich auch auf die Wesensart und auf die Seele erstrecke.

 

Musik sei eine Seelensprache, die der Erweckung und Befreiung der Gefühle diene. So lautet die Idee, die am Ende des 18. Jahrhunderts eine exzessive Steigerung erfährt. Franz Liszt – ein Komponist und Pianist des 19. Jahrhunderts – erhebt die Musik grenzenlos: „Auf den hochgehenden klingenden Wogen der Tonkunst hebt uns das Gefühl zu Höhen empor, die über der Atmosphäre unseres Erdballs liegen.“6

 

Und der deutsche Philosoph Schelling schreibt 1802: „Auch im Sonnensystem drückt sich das ganze System der Musik aus.“ Musik sei nicht nur seelenbewegende Universalsprache, sondern repräsentiere auch die rätselhaften Gesetzmäßigkeiten des Universums.7

 

Es geht aber noch viel krasser. Sie kennen sicher alle die Bücher „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien. Der Vorläufer zu diesen Büchern nennt sich „Das Silmarillion“. Darin beschreibt Tolkien die Entstehung der Welt durch Musik. Aber wie entstand wiederum die Musik?

 

Wie Musik entstand

 

Musik entstand aus der Stimme. Empfindungen, die sich im stimmlichen Laut äußern, gelten als gemeinsamer Ursprung von Musik und Sprache.

Sie sind besonders deutlich immer dann zu hören, wenn vor allem junge Mütter ihren Babys gegenüber in einen sanften Singsang verfallen.

Anfangs waren Musik und Sprache also unzertrennlich. Vor ca. 50.000 Jahren spaltete sich dann die Entwicklung des Gebrauchs der Stimme auf in Sprache und Musik.8

 

Die Neurowissenschaften ermittelten entsprechend, dass es keine getrennten Hirnareale gibt, welche ausschließlich für Sprache oder Musik verantwortlich sind. Dass die Sprache in der linken Gehirnhälfte und die Musik in der rechten verarbeitet werde, ist eine häufig auftauchende, aber eine irrige Annahme. Sobald die neuronalen Netzwerke durch eine Musikstimulation aktiviert werden, sind beide Hemisphären gleichzeitig aktiv. Andersherum dasselbe: auch eine Sprachstimulation aktiviert die neuronalen Netzwerke beider Gehirnhälften.9

 

Die Musik hat dabei die Funktion als Sprache der Gefühle. Mit ihr können wir zwar keine konkreten Informationen übermitteln, dafür jedoch eine fast unbeschränkte Vielfalt an emotionalen Nuancen. Musik drückt aus, wofür Worte fehlen.

 

Musik wirkt immer emotional. Versuchen Sie einmal eine Musik zu hören, die völlig neutral ist. Der emotionale Inhalt der Musik variiert nur hinsichtlich der Intensität und der Qualität der ausgelösten Emotionen.

 

 

Was Musik bedeuten kann

 

Wir alle kennen das: durch entsprechende Musik kann man sich und andere beruhigen, aufputschen, in Freude versetzen oder aggressiv machen. Eine Drittklässlerin beschreibt: „Wenn ich sauer bin und mich beruhigen will, nehme ich das I-Pad, mache ein Lied an und dann höre ich es und dann wird mir ein bisschen besser und ruhiger. Das war immer in meinem Leben so, seit der 1. Klasse.“

 

Der Schauspieler und Musiker Axel Prahl beschreibt Musik als seinen Rückzugsort.

Die Schauspielerin und Musikerin Anna Loos sagte auf die Frage, warum sie Musik liebe: Musik macht mich wieder ganz.

 

Kinder schildern ihre Liebe zur Musik über Bedeutungen, Gefühle und Aktivitäten. Ich habe 3. und 4.-Klässlern die Frage gestellt, ob sie Musik lieben und wenn ja, habe ich sie gebeten, diese Liebe zur Musik zu beschreiben.

 

Lucia liebt an Musik, dass man sie einfach hören und sich dazu bewegen kann. Im Unterschied zum Buch, das man lesen muss.

 

Ähnlich sieht es Hanifa: sie beschreibt es als etwas lästig, dass man beim Fußball immer Teamarbeit machen muss, aber bei der Musik macht man sein eigenes Ding. Zitat: „Dann fühle ich, dass ich in einer anderen Welt bin. Das ist eine schöne, wo ganz viel Musik ist.“

 

Zakaria fühlt sich frei bei Musik und Tanz. Er sagt: ich liebe Musik, weil ich da ich selbst sein kann. Ich muss mich nicht verstellen. Sie ermutigt mich. Dann sehe ich, was ich kann beim Tanzen und beim Singen.

 

Maya aus der 3. Klasse geht es ähnlich. Sie sagt: „Musik liebe ich schon, seit ich klein bin und das ist eigentlich mein Herz und meine Seele und immer, wenn ich Musik höre, dann fühle ich mich frei.“

 

Malak aus der 3. Klasse hat ein Ideal in zwei Künstlern gefunden: „Ich finde Musik schön und das Gefühl macht mich froh. Ich kenne Mero, ich kenne Loredana und das Gefühl hat mir gebracht, dass ich Loredana und Mero liebe! Und ihre Stimme finde ich schön und so. Der Text ist mir egal. Sie sehen toll aus.“

 

Und Aylin wendet das Schöne, das Malak im Außen sieht, nach innen: „Mit Musik fühle ich mich richtig schön.“, sagt sie.

 

 

Was bedeutet das nun für unseren Umgang mit Musik?

 

Dazu möchte ich zuerst einmal ein paar neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie aus dem Buch „Macht Musik schlau?“ von Lutz Jäncke zitieren. So heißt es dort:

 

Wenn man Musik hört, die einem gefällt, wird die psychische Leistungsfähigkeit kurzfristig gesteigert. Wir bewältigen bestimmte Aufgaben dann beschwingter und schneller. Eine Studie des Max-Planck-Institutes bestätigt, dass selbst die härteste Anstrengung sich leichter anfühlt, wenn die richtige Musik dazu erklingt.

 

Woran liegt das? Emotionale Musik stimuliert das limbische System und erzeugt so etwas wie einen Gänsehauteffekt. Hierbei handelt es sich um ein Aktivierungsmuster, dass auch beim Lernen und leider auch bei Süchten zu messen ist. Die mit dieser Aktivität verbundenen Gefühle verstärken unsere Verhaltensweisen und Gedanken. Musik, die diese emotionale Wirkung auslöst, kann also zu einer Leistungssteigerung führen. „Da Emotionen einen erheblichen Einfluss auf kognitive Leistungen ausüben, ist es verständlich, dass Musik als wichtiger emotionaler Reiz über die Emotionen auch kognitive Leistungen beeinflussen kann.“, schreibt der Autor Lutz Jäncke10.

Die emotionale Wirkung von Musik ist stark erfahrungsabhängig. Denn wir mögen, was wir schon gehört haben. Das gilt bereits bei ersten Wiederholungen von Musikstücken11, jedoch ungleich intensiver für Musik, mit der wir aufgewachsen sind. Wer z.B. in seiner Kindheit bestimmte Musik häufig und wiederholend gehört hat, wird zu ihr eine besonders intensive Beziehung haben. Das können die Radiomusik der Mutter sein, die AC/DC-CDs des Vaters oder die Hausmusik der Familie.

 

 

Was folgt nun daraus für den Musikunterricht?

 

Wenn wir anstreben, dass Kinder in der Grundschule auch im Musikunterricht möglichst viel lernen sollen, müssen wir anerkennen, dass der „Dünger“ für eigene Hirnaktivitäten eigenes Interesse und echte Begeisterung sind. So formuliert es Neurobiologe Gerald Hüther, der wie kein anderer dafür eintritt, dass in der Schule konsequent das Prinzip der Motivation zur Entfaltung des ganzen individuellen Potentials angewendet werden muss. Zitat: „Es muss unter die Haut gehen, dann passiert im Hirn etwas.“12

 

Wie erreichen wir das?

 

  • Wir sollten die emotionale Nähe, die unsere Schüler/innen zur Musik haben, wertschätzen und ihr Raum geben.

  • Genauso sollten wir die emotionale Nähe, die wir selbst zur Musik haben, ernst nehmen und nicht an der Schultüre abgeben.

  • Wir sollten realisieren, dass nur Musik, die gefällt, zu einer Leistungssteigerung führt.

  • Wir sollten zur Kenntnis nehmen, welche Musik sich im Erfahrungshorizont der Schüler/innen befindet- falls uns und der restlichen Klasse ein solcher Einblick erlaubt wird. So könnte Summia uns doch gerne mal zeigen, wie sie zu afghanischer Musik tanzt, oder?

 

Aus diesen Erkenntnissen ließen sich für Sie und Ihren persönlichen Unterricht zwei grundlegende Schlussfolgerungen ziehen:

 

  1. Die Liebe zur Musik ist die Ressource für unseren Unterricht. Wenn Sie diese nicht beschädigen, entsteht Begeisterung und ein hohes Umsetzungsniveau für den Unterricht mit Musik.

  1. Unterrichten Sie an erster Stelle die Kinder und erst an zweiter Stelle das Fach. Das bedeutet: stellen Sie die Kinder und deren Liebe zur Musik in den Mittelpunkt des Musikunterrichtes.

 

Das kann Folgendes bedeuten:

 

 Das Lied, das Sie für den Unterricht geplant und vorgestellt haben, löst weder einen Bewegungsimpuls aus noch hat es einen emotionalen Effekt, der auf Freude, Interesse, Begeisterung schließen ließe? Lassen Sie es weg!

 

 Der Song, für den Sie eine rhythmische Begleitung vorgesehen hatten, will aber unbedingt getanzt werden? Verzichten Sie in diesem Moment auf die rhythmische Begleitung und lassen Sie lieber die Kinder den Tanz entwickeln. Bringen Sie dabei Ihre Kompetenzen aktiv mit ein und wenn das keine tänzerischen sind, dann können sie helfen, das Projekt zielorientiert zu einem fruchtbaren Ergebnis zu bringen.

 

Es kann nicht um ein spezielles Lied gehen, das gesungen werden muss. Sondern es geht um eine Erfahrung mit Musik.

 

Gemeinsam und in guter Zusammenarbeit schaffen wir es, die Begeisterung für Musik in guten Unterricht münden zu lassen. Dazu müssen wir miteinander verständlich und respektvoll kommunizieren, Kompromisse machen, zielorientiert arbeiten und üben. Die Musik muss dergestalt sein, dass sie allen guttut. Sie steht im Mittelpunkt, doch was mit ihr passiert, erfüllt den heimlichen und meistens sogar den offiziellen Lehrplan: die Kinder schöpfen ihre Potentiale voll aus und genießen ihr Werk.

 

Dasselbe gilt für Sie selbst! Ihr persönliches Verhältnis zur Musik sollte Sie führen und leiten: was mache ich am liebsten?

Vielleicht singen? Also muss ich das Problem mit den Tonlagen in den Griff bekommen, damit ich mit gutem Gefühl mit den Kindern singen kann.

Mich faszinieren Rhythmen, Trommeln, Bewegung? Also baue ich immer wieder Unterrichtseinheiten auf, die diese Leidenschaften im Fokus haben.

Ich bin ein leidenschaftlicher Musikhörer? Also hören wir auch im Unterricht sehr genau hin und gestalten. Das können elektronische Tanzmusik sein oder die komponierten Feinheiten, die Antonio Vivaldi in seine ‚Vier Jahreszeiten’ musikalisch hineingezaubert hat.

 

Musik gehört zu Ihnen. Lassen Sie sie sich nicht wegnehmen, indem Sie das Gegenteil von dem unterrichten, was sie können und lieben, nur weil sie glauben, es müsse so sein. Bauen Sie sich einen methaphorischen Baum auf, dessen Wurzeln fest verankert aus Ihrer persönlichen und benennbaren Leidenschaft für Musik besteht. Je gesünder und stärker dieser Stamm ist, desto leichter wachsen Verästelungen, die entferntere Bereiche der Musik betreffen und gelernt bzw. bedient werden können.

 

Nutzen Sie die Angebote auf diesem Kongress als Impulse, um ihre eigene Liebe zur Musik noch stärker für Ihren Unterricht nutzbar zu machen.

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei und lehrreiche Erkenntnisse!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Daniel Barenboim, Klang ist Leben, 2008, S. 11

2 Helga de la Motte-Haber, Handbuch der Musikpsychologie, 1996, S. 26

3 Wolfgang Rüdiger, Die Geburt der Musik aus dem Geiste des Körpers, in: Lars Oberhaus und Christoph Stange (Hrsg.), Musik und Körper, 2017, S. 276

4 Arno Geiger, Unter der Drachenwand, 2019

5 Daniel Barenboim, Klang ist Leben, 2008, S. 13

6 Helga de la Motte-Haber, Handbuch der Musikpsychologie, 1996, S. 138

7 Helga de la Motte-Haber, Handbuch der Musikpsychologie, 1996, S. 137

 

8 Christoph Drösser, Hast du Töne, 2009, S. 20

9 Lutz Jäncke, Macht Musik schlau?, 2008, S. 359

10 Lutz Jäncke, Macht Musik schlau?, 2008, S. 408

11 Lutz Jäncke, Macht Musik schlau?, 2008, S. 246 ff

12http://www.ihregesundheit.tv/?s=Gerald+Hüther&cat=&submitbutton.x=0&submitbutton.y=0